Hendrik Boury stürmt aufs DM Podium
Es ist die ultimative Prüfung für Körper und Geist: Beim 24-Stunden-Lauf gewinnt derjenige, der in dieser Zeit die weiteste Strecke zurücklegt. Bei den diesjährigen Deutschen Meisterschaften in Delmenhorst entwickelten sich diese Bedingungen jedoch zu einem Kampf gegen die Elemente. Mittendrin: Hendrik Boury von der LG Nordheide. Trotz extremer Hitze von über 40 Grad, Magenproblemen und einer nächtlichen Unwetter-Unterbrechung sicherte sich Boury den Deutschen Meistertitel in der Altersklasse M35 sowie den hervorragenden dritten Platz in der Gesamtwertung.
Schon beim Start war klar, dass dieses Rennen kein normaler Wettkampf werden würde. Das Thermometer kletterte im Schatten auf sengende 37 Grad. Auf dem 1,3 Kilometer langen Rundkurs, der zu gut einem Viertel komplett der prallen Sonne ausgesetzt war, staute sich die Hitze am Samstagmorgen und -nachmittag auf gefühlte 41 Grad auf. Bedingungen, die dem Körper alles abverlangten und Boury früh vor Probleme stellten. „Die Hitze hat bei mir zu schweren Problemen mit der Ernährung geführt“, berichtete Boury nach dem Rennen. Sein Magen rebellierte völlig und feste Nahrung blieb nicht lange im Körper. Zusammen mit seinem Cousin und erfahrenen Crew-Chef Julius Landwehr musste Boury improvisieren. Die Strategie wechselte radikal: Wasseraufnahme im Akkord und mühsam im Wasser aufgelöste Gels, um den Magen zu entlasten. Trotz eines massiven Kaloriendefizits und anhaltender Schwächegefühle biss sich der LG Nordheide-Athlet Kilometer für Kilometer durch.
Als wäre die brutale Hitze am Tag nicht genug gewesen, schlug das Wetter in der Nacht komplett um. Um 3:30 Uhr nachts zog ein heftiges Gewitter über die Strecke. Aus Sicherheitsgründen mussten die Organisatoren den Lauf sofort stoppen. Für exakt zwei Stunden und 15 Minuten stand das Rennen still. Boury nutzte die Zwangspause taktisch klug: Von 3:45 Uhr bis 5:00 Uhr legte er sich schlafen. „Schlaf kann man das aber eigentlich nicht nennen, eher ein bloßes Augen Zumachen, aber es hat geholfen“, so Boury. Was viel wichtiger war: In der kühleren Phase nach dem Unwetter beruhigte sich sein geplagter Magen endlich so weit, dass er wieder etwas feste Nahrung aufnehmen konnte. Um 5:30 Uhr wurde das Rennen fortgesetzt. Durch die Unterbrechung schrumpfte die tatsächliche Laufzeit auf 21 Stunden und 45 Minuten zusammen – was auch die geringen Kilometerzahlen des Gesamtfeldes erklärt.
Nach dem Restart bewies Boury, aus welchem Holz er geschnitzt ist. In den letzten sechseinhalb Stunden des Rennens mobilisierte er ungeahnte Kräfte. Zwischenzeitlich musste er Angriffe der Viert- und Fünftplatzierten abwehren, die von hinten aufzuholen drohten. Doch statt einzubrechen, blies Boury selbst zur Attacke auf den Silberrang. Zeitweise lag er stolze zehn Kilometer hinter dem Zweitplatzierten zurück. Mit enormem Kampfgeist und tiefem Vertrauen in seine Beine lief er ein phänomenales Finish und verkürzte den Abstand bis zum Ziel um Punkt 12:00 Uhr mittags auf drei Kilometer. Am Schluss hieß es für Benjamin Brade vom ASV Zeuthen 203,83 km und für Hendrik Boury 200,94 km. „Ich konnte am Ende nochmal richtig Gas geben. Ohne das große Kaloriendefizit wäre der zweite Platz definitiv drin gewesen. Zudem hat es mich unglaublich stolz gemacht, nach 15 Jahren wieder für die LG Nordheide an den Start gehen zu dürfen und dieses Trikot zu tragen. Dass es direkt zum Altersklassen-Meistertitel und dem Gesamtpodium reicht, macht es für mich umso besonderer.“ , resümierte Boury hochzufrieden. Der Gesamtsieger, der internationale Top Ultra-Läufer Matthias Krah von der LAZ Obernberg-Miltenberg triumphierte mit 211,88 km.
Bourys Leistung blieb auch von offizieller Seite nicht unbeachtet. Der deutsche Ultralauf Bundestrainer war vor Ort und zeigte sich hocherfreut über den Auftritt. Regulär liegt die harte Qualifikationsnorm für die Weltmeisterschaften bei 240 Kilometern. Aufgrund der extremen Wetterkapriolen und der rennentscheidenden Verkürzung kündigte die sportliche Leitung jedoch an, diese starre Norm für dieses Rennen auszusetzen. Damit hat sich Boury mit seinem starken Auftritt im stark besetzten Feld eine glänzende Ausgangsposition für eine Nominierung für die Weltmeisterschaften im nächsten Jahr erarbeitet.
Wer glaubt, ein solcher Ausnahmeathlet legt nach fast 22 Stunden Dauerlauf erst einmal die Füße hoch, täuscht sich bei Boury. Nach dem Rennende um 12:00 Uhr und der anschließenden Siegerehrung um 14:00 Uhr blieb gerade einmal Zeit für eine kurze Dusche. Danach ging es direkt weiter: Gemeinsam mit seiner zweijährigen Tochter reiste Boury per Zug zum Hamburger Flughafen und flog zu seinem Wohnort London – denn am Montagmorgen stand er bereits wieder ganz regulär im Beruf. „Ich war müde, klar. Aber im Vergleich zu Backyard-Ultras (Hendriks Bestleistung dort: 640km in 100h) war ich hier gar nicht so lange wach, es war zu keinem Zeitpunkt gefährlich“, scherzte der frischgebackene Meister. Gelenke und Muskeln signalisierten bereits kurz darauf grünes Licht, sodass die nächsten sportlichen Ziele schon im Blick sind.
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