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Backyard Ultra Weltmeisterschaften

Hendrik Boury läuft in die Weltspitze

Vier Tage, kaum Schlaf, 100 Runden à 6,7 Kilometer. Der in Winsen-Pattensen aufgewachsene Ultraläufer Hendrik Boury, gebürtig Spöring, hat bei den Backyard Ultra Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Bell Buckle (Tennessee) ein Ausrufezeichen gesetzt: Mit 670 gelaufenen Kilometern belegte der 34-Jährige den 8. Platz und stellte dabei einen neuen deutschen Rekord auf. 

„Irgendwann läuft man nicht mehr gegen andere – sondern nur noch gegen sich selbst“, sagt Boury nüchtern.

Vom Mittelstreckler zum Mehrtagesläufer und so startete Boury in jungen Jahren zunächst über die 800m und 1500m auf der Bahn und hat seine sportlichen Wurzeln bei der LG Nordheide. Dort lernte er schon früh einen sauberen Laufstil, der ihn bis heute auszeichnet. „Diese Technik hat mir später bei den Ultras geholfen – effizient laufen und damit Kräfte sparen, auch noch nach mehreren Tagen.“ Mit 15 lief er seinen ersten Halbmarathon. Mit 17 folgte der erste Marathon – und gleich ein Altersklassensieg in Zürich. Auf dem Siegerpodest stand er neben dem kenianischen Gesamtsieger, der ihn kurzerhand zum Training nach Kenia einlud. Boury nahm die Einladung an – drei Monate lebte und trainierte er dort, lernte Disziplin, Rhythmus und Demut. Auf viele Jahre Erfahrung bei den verschiedensten Ultraläufen kann er nun schon zurückgreifen und sieht seine Stärke, neben dem starken Willen, beim schnellen Erholen in den Pausen.

Heute lebt der Unternehmensberater mit seiner Frau und Tochter in London. „Sofern es Arbeit und Familie zulassen, versuche ich jeden Tag zu laufen”. Und das bedeutet dann meistens 10 Kilometer morgens vor der Arbeit und am Wochenende stehen dann Tempotraining und lange Distanzen auf dem Plan. Manchmal ein Marathon, manchmal 80 Kilometer durch die Nacht. “Das ist mein Ausgleich, mein Abenteuer“ - wohlgemerkt bei einer 55h Arbeitswoche. In England startete er 2020 dann auch zum ersten Mal bei einem Backyard Ultra und schaffte gleich 30 Runden (200km).

Doch was ist Backyard Ultra, dem vielleicht härtesten Ausdauerwettkampf der Welt? Das Regelwerk klingt harmlos: Jede Stunde muss eine Runde von 6,706 Kilometern (4,167 Meilen) absolviert werden. Das Ziel ist nicht, die Runde schnell zu laufen, sondern so lange wie möglich durchzuhalten. Wer die Runde in weniger als einer Stunde schafft, hat die restliche Zeit zur Erholung. Wer die Runde nicht rechtzeitig beendet oder nicht pünktlich zur nächsten Runde startet, scheidet aus. Das Rennen endet, bis nur noch ein Teilnehmer übrig ist.

75 der besten Backyard Ultraläufer der Welt qualifizierten sich für den Start in Tennessee, darunter Boury als amtierender deutscher Meister. Über vier Tage hinweg lief er Runde um Runde – durch Hitze, Sturm, Regen und Kälte. Sechs Stunden lang peitschte der Regen, das Zelt seiner Crew flog davon, doch Hendrik lief weiter. Tagsüber ruhig, nachts etwas schneller, um mehr Pause zu haben. Ab dem dritten Tag schrumpften die Erholungszeiten auf drei bis vier Minuten pro Stunde. „In der Nacht wird’s gefährlich – man schläft im Laufen fast ein“, sagt er. So kämpfte er in der 85. Runde mit Halluzinationen. „Ich wusste zehn Minuten lang nicht, was ich gemacht habe – aber mein Körper lief einfach weiter“. Erst als es wieder hell wurde, normalisierte sich sein Zustand. In der 101. Runde musste er schließlich einsehen, dass er das Zeitlimit nicht mehr schaffen würde – und beendete den Wettkampf auf Rang acht mit 100 absolvierten Runden. Der Sieger, Weltrekordhalter Phil Gore aus Australien, gewann das Rennen mit 114 Runden. 

Boury läuft ohne Schmerzmittel. „Wer Schmerzen wegdrückt, hört nicht mehr auf seinen Körper. Das ist für mich keine Option und viele meiner Mitstreiter sehen das genauso". Stattdessen setzt er auf klare Routinen: Koffein in Maßen („nicht mehr als vier Tassen Kaffee am Tag“), feste Nahrung wie Kartoffeln, Reis oder Milchreis, dazu kohlenhydratreiche Gels. Flüssigkeit nimmt er vor allem über Wasser und Tee auf, ergänzt durch Elektrolyte und Salztabletten. Sowie sehr kleine Mengen an Energydrinks. Seine Crew, bestehend aus einem engen Freund und Ultraläufer, kümmerte sich um Ernährung, Massage, Motivation und Strategie – allerdings nur in der erlaubten Zone zwischen den Runden. „Ohne Crew geht’s nicht. Sie denken für dich, während du dich aufs Laufen konzentrierst.“

Nach dem Lauf schlief Boury drei Stunden – mehr war nicht möglich. Die Tage danach fühlten sich an wie Jetlag. Gelenke, Muskeln, alles intakt – nur leer. „Ich weiß, dass das nicht gesund ist, insbesondere der Schlafmangel. Aber es reizt mich, herauszufinden, wie weit man gehen kann. Das Mentale, das Familiäre, die Gemeinschaft – das ist das Schöne am Ultralauf.“

Seine nächsten Ziele sind schon gesetzt: die 48-Stunden-Weltmeisterschaft 2026 in Mailand. Dort will er über 420 Kilometer schaffen – wieder ein deutscher Rekord, vielleicht wieder eine Top-10-Platzierung. „Ich sehe mich als Mehrtagesläufer“, sagt er. „Solange mein Körper mitmacht und meine Familie es erlaubt, bleibe ich dabei.“

Videomaterial über die Backyard Ultra Weltmeisterschaften gibt es hier: https://www.youtube.com/@backyardultrachannel

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 Zum Vergrößern auf das Bild klicken. Fotos von Hendriks Crew

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